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»Schabernack. Freundliche Verstörung. Liebenswerter Unsinn« Der Frager im Interview mit Wibke Ladwig

Wibke Ladwig

Themen, Trends und Tools unterliegen im Netz einer unglaublichen Dynamik. Ganze Plattformen, wie etwa Google Plus, verschwinden über Nacht. Angesagtes ist morgen schon wieder weg vom Bildschirm. Personen kommen und gehen. Es gibt aber auch Ausnahmen. Menschen, die bleiben. Menschen mit ausgeprägtem Online-Style. Mit Haltung. Meist kreativ. Mit kulturellen Themen. So ein Mensch ist Wibke Ladwig.

Ich beobachte Wibke nun schon seit vielen Jahren. Besonders aber bei Twitter. Hier ist sie sehr aktiv. Viele kennen sie. Hauptsächlich aber Kulturtreibende und Social-Media-Akteure.

Einmal hing sie groß plakatiert von den Decken der Frankfurter Buchmesse. Dann tauchte sie im Interview beim Magazin »t3n« auf. Bei Twitter machte sie sich stark gegen eine Hashtag-Kaperung: Eine große Buchhandelskette, ein Riese, verwendete plötzlich den Hashtag #Lesemittwoch ihres Schützlings, der Buchhandlung Neusser Straße in Köln. »Ja, da kann man sich nur wundern. Wer keine eigenen Ideen hat, bedient sich eben bei anderen. Vor einer Weile fing Thalia schon mal an, unseren Hashtag #lesemittwoch drüben bei Insta für eigene Zwecke zu kapern. Blieb nicht unbemerkt. Nun das. Peinlich«, eckt sie erfolgreich und mit guten Argumenten als @sinnundverstand bei Twitter.

Einmal treffe ich sie im Buchladen Neusser Straße in Köln zu einer Lesung. Sie ist zurückhaltend. Herzlich. Die Unterhaltung macht Spaß.

Der Frager: Du bezeichnest dich auf deiner Website sinnundverstand.de als »Social Web Ranger« und »Ideenkatalysatorin«. Was steckt hinter diesen beiden Bezeichnungen, und was machst du konkret? An welchen Projekten arbeitest du gerade und für wen?

Wibke Ladwig: Der Social Web Ranger entstand als Pendant zum Berufsbild der Nationalpark-Ranger, die es zum Beispiel im Nationalpark Eifel gibt: Botschafterin des digitalen Raums, Beobachten des digitalen Raums und die Vermittlung eines Bewusstseins und des Wissens für diesen. Ich begleite Menschen und Besuchergruppen in den digitalen Raum, sprich, ich mache Coachings, Workshops und Seminare, halte Vorträge, pflege aber auch eigene oder Projekte anderer dort.
Hauptsächlich beschäftigen mich derzeit diese Projekte:
Ein Coachingprogramm für öffentliche Bibliotheken in Nordrhein-Westfalen. Auftraggeberin ist die Fachstelle für öffentliche Bibliotheken NRW der Bezirksregierung Düsseldorf. Hier wirke ich als eine der Coaches das zweijährige Programm mit und begleite die acht teilnehmenden Bibliotheken bei der Entwicklung einer Leitidee für Social Media. Mir bereitet dieses Projekt viel Freude – und was ich da so mache, beschreibe ich hier

Der Herbst steht dann auch im Zeichen der Woche unabhängiger Buchhandlungen, die in diesem Jahr vom 3. bis zum 10. November stattfand. Im dritten Jahr begleite ich diese Initiative nun in Sachen Social Media. An diesem Projekt zeigt sich sehr schön, warum man auch in Social Media langfristig denken muss. Hoppla-hopp geht da nichts, es braucht gute Inhalte, neben der ideellen Klammer auch eine visuelle, einen Ton und die Vernetzung. Das muss organisch wachsen dürfen. Hier darf es das. Und das macht sich seit letztem Jahr dann auch deutlich bemerkbar.
Seit Juli arbeite ich als Blogredakteurin im Buchladen Neusser Straße in Köln-Nippes mit und baue dort das Buchladenblog auf. Seit Jahren bin ich eine Freundin des Buchladens. Nun dessen Eigenheiten und den Alltag sowie die Menschen dort ins Digitale zu verlängern,
empfinde ich als bereichernd. Und es schließt sich ein Kreis, denn ich trat 1998 der Buchbranche bei, als ich meine Ausbildung zur Sortiments-Buchhändlerin begann.

In dem Magazin »t3n« (Ausgabe 1/2018) schreibst du unter anderem zur Frage »Was begeistert dich am meisten an deinem Beruf?«: »Schabernack. Freundliche Verstörung. Liebenswerter Unsinn.« Warum ist das wichtig für dich? Kannst du uns ein heldenhaftes Beispiel aus dieser Rubrik nennen?

Grundsätzlich halte ich mich für einen ernsthaften Menschen. Vieles nehme ich ohnehin viel zu ernst. Leider bringt mich das selten weiter. Eigentlich beschert mir das nur einen verspannten Nacken.
Hingegen bringen eine gewisse Leichtigkeit, eine bewusste Verfremdung und vor allem die Betrachtung der Dinge aus verschiedenen Entfernungen Bewegung in die Sache. Und sie schaffen eine – wie ich finde – gesunde Atmosphäre. Kreativität wird oft als eine der Eigenschaften erwähnt, die in der Arbeitswelt wie auch in unserer Gesellschaft am dringendsten benötigt wird. Nun, aber in einem unbeweglichen und überernsten Umfeld lässt es sich schwerlich kreativ werden.
Wo man Schabernack miteinander treiben kann, besteht ein vertrauensvolles Umfeld, eines, in dem Wertschätzung und Respekt gelebt werden. So kann ich arbeiten.

Hm, mit heldenhaften Beispielen tue ich mich schwer. Ich habe den Eindruck, dass es mir ganz gut gelingt, diese Atmosphäre zusammen mit dem Social-Media-Team der Stadtbüchereien Düsseldorf auf dem Blogsofa zu schaffen. Das Blogsofa ist ein Veranstaltungsformat, das eine Brücke zwischen dem Ort Stadtbücherei und dem digitalen Raum schlägt. Dreimal im Jahr nehmen vier Blogger*innen auf dem Blogsofa Platz und ich spreche mit ihnen über ihr Blog, über ihr Leben und ihre Gedanken. Am 15.11. etwa geht es um Blogs über Gesundheit und Krankheit.
Dass bisher noch niemand vom Blogsofa Reißaus genommen hat, mag vielleicht am liebenswerten Unsinn liegen, den wir uns dort miteinander genehmigen. Denn das macht Schabernack, freundliche Verstörung und liebenswerten Unsinn aus: Sie funktionieren nach meiner Lesart nur miteinander, nie gegeneinander.

Zusammen mit Ute Vogel und Anke von Heyl bist du im Netz auch mit den Herbergsmüttern unterwegs. Was macht ihr genau? Das schaut im Übrigen (aus eigener Beobachtung) immer sehr harmonisch aus – habt ihr auch mal Zoff?

Wir verstehen uns als Kulturkollektiv. Kennengelernt haben wir uns 2010 über Twitter. 2011 organisierten wir miteinander unser erstes Barcamp für Kunst und Kultur, das stARTcamp Köln. Das haben wir drei Jahre hintereinander gemacht und das Format dann abgegeben. In Folge experimentierten wir zu dritt oder im Zusammenspiel mit anderen, wie man spielerisch Kunst, Kultur und Kreativität in den digitalen Raum bringen kann.

Uns verbinden gemeinsame Werte und Leidenschaften, aber auch die Überzeugung, dass eine digitale Gesellschaft ohne Kunst, Kultur und Kreativität nicht denkbar ist. Die Kultureinrichtungen wie auch Kulturschaffende halten wir für dringend notwendig im digitalen Raum. Gerade weil dieser Raum zunehmend von Kommerz, Populismus und totalitären Tendenzen strapaziert wird.
Aber was vielleicht für uns das Wichtigste ist: Wenn wir zu dritt etwas machen, entsteht meist eine ganz eigene, kreative Dynamik, die uns über uns selbst hinausbringt.

Unstimmigkeiten gibt es eher selten. Wie ganz normale Menschen sind wir schon mal genervt voneinander. Denn wie bei anderen ganz normalen Menschen ist das Leben und Geld verdienen manchmal ganz schön anstrengend.

Jean-Paul Sartre soll einmal gesagt haben: »Die Hölle, das sind die anderen.« Gerade auf Twitter nimmt das Geprangere immer mehr zu. Nimmst du das auch so wahr? Wenn ja, wie beobachtest und bewertest du diese Entwicklung?

Ich bin nun seit über zehn Jahren bei Twitter, seit 2009 mit meinem zweiten Account, nachdem ich den Einstieg damals mit einem Verlagsaccount gemacht hatte. Die Zeiten waren damals andere, ja. Ich habe über Twitter viele wundervolle Menschen kennengelernt, etliche davon dann auch irgendwann getroffen. Mit zweien bin ich inzwischen vermüttert. Die Herbergsmütter. Siehe oben. Bis vor einigen Jahren ließ es sich noch angenehm unbekümmert twittern. Irgendwann stellte ich fest, dass ich anfing, mich zu bestimmten Themen nicht mehr zu äußern. Weil ich keine Lust auf befremdliche bis aggressive Antworten oder gar E-Mails hatte. Habe ich immer noch nicht, und ich überlege mir gut, wann, wie und wo ich Haltung zeige oder Position beziehe. Was mich jedoch wichtig ist: Dass ich es tue. Mein Weg ist, das Gute positiv zu verstärken, zu ermutigen und Konstruktives zu teilen.

Wenn dir eine Zeitung oder ein Magazin eine Kolumne anbieten würde (vorausgesetzt, du würdest sie auch annehmen), von wem sollte das Angebot kommen? Was wäre der Titel, und mit welchen Themen würdest du dich beschäftigen?

Wie so oft ist es leichter, die zu benennen, für die ich nicht schreiben würde. Das betrifft dann insbesondere Publikationen des Springer-Konzerns. Da fallen mir durchaus auch noch andere ein, aber ich möchte das nicht näher ausführen.

Einen Titel zu finden, sollte ein kleineres Problem sein. Ich glaube, dass für die meisten Zeitungen oder Magazine meine Themen recht uninteressant sind. Ich liebe Alltag, Alltagsbeobachtungen, besuche gern Landschaften und Orte abseits der angesagten Hotspots, spreche am liebsten mit Menschen über das Leben an sich. Und finde oft Größe darin. Während alle Welt nach Sensationen, Attraktionen und Events ruft, interessiere ich mich für das genaue Gegenteil. Viel zu unspektakulär, fürchte ich. Glücklicherweise kann ich meine Kolumne einfach so in dieses Internet schreiben.

Manchmal meldest du dich bei Twitter mit Nachrichten aus Klöstern. Was steckt dahinter?

Vor Jahren war ich zum ersten Mal für einige Tage in einem Kloster in der Eifel. Seitdem trage ich das Klosterleben innerlich mit mir herum als einen Ort, an dem niemand etwas von mir erwartet oder will, einen Ort, an dem für mich gesorgt wird. Von Haus aus bin ich pragmatisch-katholisch. Daher schätze ich die Spiritualität des Klosterlebens als Gast, ohne mich davon angefasst oder verpflichtet zu fühlen. Ich füge mich gern diesem geregelten Tageslauf hinzu und finde dazwischen große innere Freiheit zum Sein. Ich bin auch dankbar, dass es diese Art von Orten gibt, in denen sich mir andere Lebensentwürfe vermitteln.

Wenn sich auf meinen Handlungsreisen die Gelegenheit bietet, in einem Kloster zu nächtigen, ergreife ich diese gern. Selbst wenn es säkularisierte Klöster sind, bleiben es besondere Orte. Denn die Klostergründer hatten oft ein gutes Gespür für Orte, an denen man zu Frieden finden kann.

Davon erzähle ich gern und ich freue mich, wenn sich eine Ahnung davon vermittelt, was diese Orte für Menschen sein können. Insofern verstehe ich mich ein wenig als Botschafterin und meine Tweets als mögliche Inspiration für andere.

Online-Trends kommen und gehen. Welchen Trend möchtest du nicht mehr sehen, und welcher sollte sich aus deiner Sicht durchsetzen?

Weniger Hass, mehr Liebe. <3

Du bist sehr in der Literaturszene engagiert. Denkst du manchmal darüber nach selbst ein Buch zu schreiben? Gab es vielleicht schon schon Anfragen von Verlagen? Was wäre dein Thema?

In Wahrheit schreibe ich natürlich längst an einem Buch – wie vermutlich fast alle, die in irgendeiner Weise etwas mit Büchern und Literatur zu tun haben. Wer weiß, vielleicht habe ich eines Tages den Mut, es zu beenden und mir drüber Gedanken zu machen, ob ich es einem Verlag anvertrauen möchte. Bisher habe ich als Fachautorin u.a. für den O’Reilly Verlag geschrieben und zu meinem großen Entzücken zwei Texte zu zwei literarischen Anthologien beisteuern dürfen. Eine erschien kürzlich: Vom Warten

Die Technik des Beamens ist dir sicherlich von »Star Trek« bekannt. Wo würdest du dich gerade gerne hinbeamen?

Könnte ich mich beamen, wohnte ich längst in einem einsamen Weiler in der Eifel und die leidige Frage der Mobilität wäre gelöst.

Der Frager bedankt sich für das Interview.

 

Noch ein paar Links:

Wibkes Site sinnundverstand

Zu den Herbergsmüttern

Woche der unabhängigen Buchhandlungen WUB

 

 

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Der Frager

Manfred Zimmer – Dipl. Inf., Texter/Konzeptioner ist Der Frager. Ob in der U-Bahn, beim Einkauf, beim Lesen der Zeitung oder online, im Leben des Fragers ploppen an jeder Ecke unzählige Fragen auf. Fragen, die gestellt werden wollen.

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1 Kommentar

  • Der Frager
    15. November 2018 at 13:16

    Test

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