Jede Stimme zählt – das Kultur-Bewertungsportal livekritik.de

Kaum vorstellbar – Kinski und das iPhone im Zuschauerraum

Als ich den Namen »livekritik« zum ersten Mal hörte, dachte ich an Theaterbesucher, die mitten in der Vorstellung im bläulichen Lichtschein ihres iPhones anfangen zu twittern. Ich musste auch an Klaus Kinski denken, der bei Störungen aus dem Publikum ganz schön ausrasten konnte. Der hätte als Schauspieler bestimmt kräftig dagegengehalten. (»Scheiß Gesindel!« und »Komm du jetzt hierher, der du so ein großes Maul hast!« Klaus Kinski auf seiner »Jesus Christus Erlöser«-Tour 1971).
Livekritik meint aber nicht das direkte Getwittere während Lesungen, Opern- oder Theateraufführungen – insofern es nicht ausdrücklich erwünscht ist –, sondern es meint: Live-Veranstaltungen können auf der Online-Plattform livekritik.de bewertet werden. Eigentlich eine ziemlich gute Idee, und man fragt sich, ob es das nicht schon gibt. Gibt es aber nicht. Zumindest nicht in dieser Form.

Rod Schmid, Karin Janner und Till Führer von livekritik.de


Mailwechsel mit einem »Spiegel«-Bestseller-Autor

Wenn ich erste Meinungen hören will, stelle ich mir in meiner Phantasie immer ein inneres Team zusammen. In diesem Fall Kinski, Schlingensief, Fritzi Haberlandt und ein paar andere. »Was haltet ihr von so einem Bewertungsportal?« Eine Antwort kam aber nicht. Nur ein Rauschen. Da fiel mir noch der Autor B. ein. Ich hatte ihn vor fünf Jahren im Internet kennengelernt und maile seither regelmäßig mit ihm. Zwischenzeitlich stand er sogar für ein paar Wochen auf der »Spiegel«-Bestsellerliste. Also ein Branchenkenner mit viel Erfahrung. In der Mail-Kommunikation ist er direkt, bärbeißig – ich möchte fast sagen: rotzig. Aber man merkt schnell, dass sich dahinter ein feinfühliger Mensch verbirgt.
In Erwartung einer Stellungnahme ohne Umschweife schrieb ich also: »Ich arbeite gerade an einem Artikel über ein Kulturbewertungsportal. Da werden auch Lesungen bewertet, also von ›normalen‹ Besuchern. Nicht von Journalisten. Was hältst du davon?» B. ist schnell. Nicht mal eine Stunde und die Antwort war da: »Nichts, weil ich es nicht kenne. Ehrlich, ich lese so etwas nie, soll jeder sagen, was ihn bedrückt!«
Interessante Antwort. Im letzten Teil bringt er das zum Ausdruck, was ein starkes Argument für eine Bewertungsplattform wie livekritik.de darstellt: Die Besucher der Veranstaltungen können ihre Meinung schreiben – zu allem. Auch wenn auf der Bühne genuschelt oder über Gebühr improvisiert wird, die Beleuchtung grottig war oder man den Hauptdarsteller für eine unentdeckte Perle hält, die es bestimmt mal bis Berlin oder Hamburg schafft. Alles außer Beschimpfungen à la Klaus Kinski sind erlaubt (aber der war auch Künstler).

Website livekritik.de


Livekritik.de – GO or NOT?

Würde es einen grünen GO-Knopf und eine roten NOT-Knopf für livekritik.de geben, dann würde ich den grünen drücken. Im Zweifelsfall für das Volk – für die Besucher. Die übrigens oftmals viel fairer, unterhaltsamer und differenzierter kritisieren, als manch einer glaubt.

Was auch noch zu sagen wäre: Liebe Berufskritiker, fürchtet euch nicht! Euch wird es in Zukunft sicherlich noch geben. Guter Journalismus kann durch eine Bewertungsplattform niemals ersetzt werden. Ich denke, Besucherbewertungen sind in ihrer Vielfalt eine sinnvolle Ergänzung im Kulturbetrieb.
Ich habe noch viele Fragen zu livekritik.de: Wer hatte die Idee? Welche Köpfe stecken dahinter? Wie ist das Konzept? Wo steht man beim Crowdinvesting (livekritik.de wird über die Crowdinvesting-Plattform companisto finanziert)? Wer investiert in livekritik.de? Was meinen die Kritiker? Um dies und vieles andere zu klären, habe ich mit Rod Schmid gesprochen, einem der beiden Gründer von livekritik.de. Nachfolgend das Interview.

Interview mit Rod Schmid, Mitbegründer von livekritik.de

Rod Schmid, Mitbegründer von livekritik.de

Der Frager: Livekritik.de ist seit dem 14. Juni 2012 online. Du hast das Portal zusammen mit Sebastian Hermann gegründet. Wer von euch hatte die zündende Idee? Wo habt ihr euch kennengelernt?

Rod Schmid: Die Idee ist von mir. Darauf gekommen bin ich, als ich nach gut bewerteten Theaterstücken, Kabarettaufführungen oder nach Kinderveranstaltungen für meine Tochter im Internet suchte und sich das oft langwierig gestaltete. Ich dachte mir, dass es sehr hilfreich wäre, wenn es ein Bewertungs- und Empfehlungsportal für Kulturveranstaltungen gäbe, bei dem  die Besucher selbst als Kritiker agieren. Im Gründungsprozess habe ich Sebastian, den ich noch aus Agenturzeiten kenne, von meinem Vorhaben erzählt – er erkannte sofort das Potenzial.

Was war der Ausgangspunkt bei der Entwicklung des Konzepts?
Unsere Grundidee ist, Publikumsbewertungen und -rezensionen zu Kulturveranstaltungen gebündelt im Internet anzubieten. Heute wird ja fast alles online bewertet, doch vertraut die Kulturbranche den Besuchern offenbar noch nicht so richtig. Und es sind immerhin fast 33 Millionen Besucher im Jahr – bei einem Kulturmarkt, in dem allein im Ticketverkauf jährlich knapp 4 Milliarden Euro umgesetzt werden.

Hattet ihr Erfahrungen beim Aufbau eines Bewertungsportals? Wer hat euch beraten?
Wir haben natürlich mit erfahrenen Konzeptern und Designern von erfolgreichen Portalen zusammengearbeitet, die sich in der Umsetzung von Webprojekten dieser Größenordnung auskennen. Wir vereinen aber auch selbst viel Know-how in der Online-Kommunikation. Sebastian war Vorstand einer großen deutschen Internetagentur. Ich habe jahrelang die Internetangebote von Bundesverbänden und -ministerien konzipiert.

Mich erinnert das Konzept an die Bewertungsplattform Qype, die ja sehr erfolgreich ist. Hattet ihr bestimmte Vorbilder?
Wir haben kein konkretes Portal zum Vorbild genommen, aber uns natürlich angeschaut, welche gut gemachten Kulturmagazine und Bewertungsportale es im Internet gibt. Außerdem haben wir die Webstandards für Bewertungen und Communitys übernommen. Allerdings ist unser Ansatz ein anderer: Wir stellen das Live-Ereignis in den Vordergrund und denken, dass Kulturinteressierte auf einer Plattform doch etwas anders kommunizieren und auch eine andere, wertigere Kommunikation erwarten.

Gab es auch Bedenkenträger – also Menschen, die gesagt haben: Das wird nie funktionieren. Was waren deren Argumente?
Es ist immer eine Herausforderung, Leute von etwas Neuem zu überzeugen, weil natürlich manche sagen, dass etwas so oder so ähnlich schon da wäre oder nicht gebraucht würde. Für mich liegt es aber auf der Hand, dass im Zeitalter von Social Media sich auch die Kommunikation über Kultur grundlegend wandelt und wir damit eine Vorreiterrolle in der Kulturkommunikation übernehmen. Zudem finde ich es spannender, mich über ein Theaterstück auszutauschen als über eine Digitalkamera. Aber da sind die Vorlieben ja unterschiedlich.

Ihr habt gute Kontakte zur Theater- und Kulturwelt. Wie ist das Feedback aus diesem Bereich?
Das Feedback ist sehr gut! Die Veranstalter erkennen hier eine Chance, direkter mit ihren Besuchern in Kontakt zu treten, und haben natürlich auch die Bedeutung von Online-Bewertungen und Empfehlungsmarketing für sich erkannt. Insbesondere kleine Theater und Inszenierungen aus Regionen mit einer weniger guten Abdeckung durch die Presse geben uns positive Rückmeldungen.

Am 25. November stand in einer Presseerklärung, dass ihr in fünf Tagen 25.000 € über die Crowdinvesting-Plattform companisto generiert habt. Wann wollt ihr die Zielmarke von
100 000 € erreicht haben? Wie geht es weiter, wenn die Zielmarke nicht erreicht wird?
Aktuell liegen wir bei gut 47.000 Euro. Wir haben uns keinen Termin für das Erreichen irgendwelcher Marken gesetzt. Das halten wir auch für vermessen, weil die Entscheidung für ein Engagement bei jedem Einzelnen liegt. Wir werben um das Vertrauen der Crowd und haben sehr viel Rückenwind durch die vielen positiven Kommentare auf der Plattform.

Wo wird das Geld der Investoren hauptsächlich eingesetzt? Gibt es Schwerpunkte?
Die ersten Schwerpunkte sind die Implementierung der Geschäftsmodelle, etwa des Ticketverkaufs oder der Premiumpakete für Veranstalter. Dann wird die App-Entwicklung ein Kernthema sein, weil sich immer mehr mobil abspielt und das Bedürfnis nach einer schnellen und direkten Bewertung von Live-Ereignissen sehr hoch ist.

Gibt es einen bestimmten Typus von Investor, der livekritik.de unterstützt?
Auf Companisto sind wir mit unserer Idee einer Kultur- und Kommunikationsplattform einzigartig. Wahrscheinlich sind wir das erste Kulturmedium, das sich über Crowdinvesting finanziert. Das merkt man auch an den Kommentaren, die oft den gesellschaftlichen Wert unserer Seite hervorheben – ein Kompliment, das wir natürlich gerne annehmen. Auffällig ist, dass in livekritik.de mehr Frauen investieren als in bisherige Start-ups.

Ein Segment des Bewertungsportals sind Veranstaltungen für Kinder. Dürfen diese auch Bewertungen abgeben? Gibt es eine Altersbeschränkung?
Im Moment liegt die Altersgrenze bei 16 Jahren. Wir sind aber im Gespräch mit Eltern und Pädagogen, wie wir auch Kinderkritiken verantwortlich veröffentlichen können und damit den Jüngeren einen frühen Zugang zu Kulturkommunikation eröffnen.

Stellt dir vor, in zwei Jahren steht im Feuilleton der »ZEIT« ein Artikel über livekritik.de. Wie lautet die Headline?
»Markt und Meinung: livekritik.de auf dem Weg zum führenden deutschsprachigen Kulturmedium«.

 

Vielen Dank an Rod Schmid für dieses Interview und viel Erfolg mit livekritk.de.

 

Links:

Livekritik.de

Livekritik auf der crowdinvesting Plattform companisto

 

 

 

 

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Der Frager

Der Frager

Manfred Zimmer – Dipl. Inf., Texter/Konzeptioner ist Der Frager. Ob in der U-Bahn, beim Einkauf, beim Lesen der Zeitung oder online, im Leben des Fragers ploppen an jeder Ecke unzählige Fragen auf. Fragen, die gestellt werden wollen.

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5 Kommentar
Comments To This Entry
  1. Ich kannte Lifekritik.de nicht und finde das einen ganz spannenden Ansatz. Von Architektur über Theater bis hin zu Konzerten wird hier eine breite Palette abgedeckt. Ich bin gespannt, ob die Kritiker auch in die Tiefe dabei gehen, oder ob sich das Ganze – wie im Web eher üblich – kurz und bündig hält. Auf alle Fälle eine Seite mit überzeugender Idee.

    barbara on 11. Dezember 2012 Reply
    • Ich denke auch, dass das Portal nur erfolgreich sein wird, wenn die Kritiken auch was taugen. So findet man in manchen Bewertungsportalen nicht selten minimalistische Bewertungen wie: »einfach lecker« oder »klasse Angebot« und ähnliches. Das sagt ja nun gar nichts aus. Ich denke aber, dass das livekritik-Management ein Auge darauf haben wird. Hoffe ich jedenfalls:-)

      Der Frager on 11. Dezember 2012
  2. Ich finde das Portal zukunftsweisend. Als ich das erste mal vom Konzept des Thalia Theaters hörte, Publikums Kommentare auf der Thalia-Seite einzubinden und Facebook zu benutzen und by the way die Kritikermacht zu unterwandern, war ich sehr beeindruckt. Und ich denke, es klappt. Hamburgs Mundpropaganda ist effizienter als die Kritiken der „wichtigen Journalisten“.

    Auch wenn ich sagen muss, dass ich es vermisse, auf der Thaliaseite direkt etwas twittern zu können, zu facebooken oder auf Pinterest (wenn das rechtemäßig überhaupt geht) zu liken. Aber wie ich von „Älteren“ Bekannten höre, lieben sie es dort zu stöbern.

    Wie man an nachtkritik .de sieht (auch wenn da vermutlich haufenweise nur Kommentare von Theaterleuten zu lesen sind) klappt so was sehr gut.

    Eine livekritik App ist ein Muss und dafür drücke ich die Daumen. Sonst könnte ich mir vorstellen, dass eine einfache Implementierung der Live-Kritikübersichten der entsprechenden Theater auf der jeweiligen Webseite der Theater dazu beitragen würde, noch mehr Kritiken zu sammeln, die Relevanz zu steigern und Livekritik überhaupt bekannter zu machen.

    Ich drücke dem Portal die Daumen und hoffe, dass das Team Erfolg haben wird. Bin sehr gespannt.

    OrAzAmBa on 13. Dezember 2012 Reply
  3. Vielen Dank für das Lob, OrAzAmBa, und großen Dank auch an „Der Frager“ für das Interview und den schönen Artikel vorab!.
    An Deinem Kommentar sieht man, dass Kulturkritik auf vielen verschiedenen Ebenen und Kanälen stattfindet. Wir wollen unseren Teil dazu beitragen und kulturinteressierten Menschen so eine übersichtliche und zentrale Anlaufstelle bieten, die außerdem mobil und weitreichend mit den Kulturveranstaltern vernetzt sein soll. Vielen Dank für das Daumen drücken und gib das gerne in die Hamburger Mundpropaganda weiter!
    Viele Grüße
    Rod, Gründer livekritik.de

    Rod Schmid on 14. Dezember 2012 Reply
    • Da nicht für. Ich habe eh so was wie den kinoradar-App für Kunst und Kultur kläglich vermisst. Wie gesagt, bin gespannt.

      OrAzAmBa on 14. Dezember 2012

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